studiVZ: Samurais und Tempelkrieger
Und wieder eine Überschrift, die nur zum Lesen animieren soll. Aber natürlich bleibt auch heute nichts dem Selbstzweck überlassen; es geht um die Keynote von Jodok Batlogg (CTO, VZnet Netzwerke Ltd.) auf unserer letzten IPC/WebTech. Mit Thesen wie “studiVZ ist bugfree” oder “ich brauche keinen Bugtracker” waren die ersten Reaktionen denn auch vorprogrammiert.
Soweit es mich betrifft, ich fand die Keynote gut. Klar, über die genannten Thesen mag man geteilter Meinung sein. Wenn man sich aber die beschriebenen Hintergründe bei VZnet vor Augen hält (mir ist nicht ganz sicher, ob es VZnet insgesamt oder nur studiVZ selbst betrifft, die Begrifflichkeiten verschmischen sich da gerne), dann stand VZnet, bzw. Holzbrink nach der Übernahme des Social Networks vor dem Problem, ein gewachsenes und schwer wartbares Gefüge an Software und an Mitarbeiterstrukturen wieder auf Trab bringen zu müssen. Warum man sich für Jodok entschieden hatte, wurde im Lauf der Keynote schnell klar. Er ist in der Lage unangenehme Dinge anzusprechen (dem Gezeter unter einigen Teilnehmern nach wohl sehr unangenehme Dinge) und er ist augenscheinlich auch in der Lage, einstudierte Verhaltensmuster eines größeren Entwicklerteams aufbrechen und modernisieren zu können. Das Bugtracking-System für eine Zeit lang bewusst nicht beachten zu sollen, muss weh getan haben.
Ich kann nicht beurteilen, wie die Entwickler bei VZnet das alles so einschätzen. Von außen sehe ich zunächst einmal nur, dass sich die VZ-Netzwerke allein im letzten Jahr und allein im Frontend weiter entwickelt haben, als die letzten Jahre zusammengenommen. Was sich im Backend getan hat, keine Ahnung. In jedem Fall scheint das Modell mit Jodok gut zu funktionieren, Holzbrink würde ihn sonst wohl kaum mit all dem durchkommen lassen.
Ob die zum Teil kritisierten Vergleiche, die im Laufe der Keynote angestellt wurden, wirklich haltbar sind, wen kümmert das? Als Beispiel stieß ja der Vergleich studiVZ/Flickr (Deutschland) auf wenig Gegenliebe, nach dem bei studiVZ rund 7,5 mal mehr Fotos am Tag hochgeladen würden als eben bei Flickr Deutschland. Dass das Datenvolumen bei Flickr mit Fotos im 10+ Megapixel-Bereich ungleich höher ist, trifft mit Sicherheit zu. Nichts desto weniger eine recht beeindruckende Leistung von studiVZ, schließlich bleiben noch immer wesentlich mehr Requests, die die VZ-Server zu bewältigen haben. Mehr Interpretationsspielraum lassen die Zahlen eh nicht zu, mit Social Networks und Bilderdiensten ist es insgesamt wie mit Äpfeln und Birnen.
Mir ist ja klar, dass sich gerade auf einer PHP Conference deutlich mehr Entwickler tummeln, die Erfahrung mit agilen Entwicklungsmethoden und mit Großprojekten mitbringen. Dennoch (und sicherlich auch in Verbindung mit der WebTech) dürften viele Teilnehmer einen Eindruck davon bekommen haben, was es heißt, das technische Gerüst einer Seite mit aktuell fast 15 Millionen Unique Users im Monat wieder auf Vordermann zu bringen.
Was nehme ich aus der Keynote also mit? Dass man auch ein verfahrenes Projekt wieder auf die Beine stellen kann. Dass Veränderungen (hier, die Einführung des Scrum-Modells) und zunächst bittere Pillen (hier: Verzicht auf das Bugtracking-System) den nötigen Spielraum für einen Perspektivenwechsel schaffen können. Aber auch, dass all dies nur möglich war, weil der zuständige CTO offensichtlich das entsprechende Vertrauen der Geschäftsführung genoss (oder selbige zumindest einen langen Atem bewies). Wäre spannend gewesen zu erfahren, wie die beiden Parteien sich untereinander abgestimmt/gestritten haben.
Update und Linktipp: Nils hat zufällig zeitgleich auch etwas zum Thema geschrieben.